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Römischer Gutshof, Wiesenbach

 

Römischer Gutshof im Herrenwald bei Wiesenbach - Boden als Archiv

 
Bild: Römischer Gutshof Wiesenbach, Übersicht
Römischer Gutshof bei Wiesenbach, Grundmauern
(© C. Antesberger)

In der Antike dürfte das gesamte Gelände um die villa rustica aufgrund des hohen Holzbedarfs waldfrei gewesen sein. Erst nach dem Rückzug der Römer kam es zu einer Wiederbewaldung.

 
Bild: Römischer Gutshof Wiesenbach
Innere Bebauung, Wohnraum mit Apsis
(© C. Antesberger)

Wie die Innenräume der Anlage ursprünglich genutzt wurden lässt sich nicht mehr feststellen. Man geht davon aus, dass die Wohnräume mit einer Fussbodenheizung ausgestattet waren.

 
Bild: Römischer Gutshof Wiesenbach, Keller
Keller unter dem Haupthaus
(© M. Linnenbach)
 
Bild: Dr. Heukemes
Dr. Berndmark Heukemes, Geländearbeiten
(© Lobdengau-Museum, Ladenburg)

B. Heukemes, geboren am 26. Februar 1924 in Aachen, studierte von 1945 bis 1951 Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe sowie Kunstgeschichte, Archäologie und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg. Als Pionier der Luftbildarchäologie im Nachkriegsdeutschland begann er 1952 mithilfe eines amerikanischen Militärflugzeugs Aufklärungsflüge im Rhein-Neckar-Raum und entdeckte 17 römische Gutshöfe (villae rusticae). Von 1962 bis 1992 leitete er die archäologische Abteilung des Kurpfälzischen Museums in Heidelberg. Dort wurde unter seiner Leitung das berühmte römische Gräberfeld im Neuenheimer Feld freigelegt. Bemerkenswert in seinem Leben war 1984 die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes der Stadt Ladenburg anlässlich seines 60. Geburtstages. Im Februar 2009 verstarb Dr. Heukemes in Ladenburg, dort ist er auch begraben.

Der Römische Gutshof (lat. villa rustica), aus der Zeit um 130 n.Chr., befindet sich an einem südexponierten Hang inmitten des Herrenwalds nordöstlich von Wiesenbach. Man erreicht das Bodendenkmal von einem Parkplatz aus, der östlich der Kreisstraße 4163 (Wiesenbach - Neckargemünd) an der südlichen Waldspitze liegt. Von hier aus führt ein Waldweg in Richtung Nonnenbrunnen, danach folgt ein Pfad in nordöstlicher Richtung zum Gutshof (s. Karte).

Mit der Besitznahme Obergermaniens im 1. Jh. durch die Römer, halten am Neckar zahlreiche zivilisatorische Neuerungen Einzug. Hierzu gehören mediterrane Pflanzen, neue Formen der Bekleidung und vor allem der Bau von befestigten Straßen. Auch die villa rustica bei Wiesenbach war verkehrsmäßig an eine römische Militärstraße (via militaris) angebunden, die von Ladenburg ausgehend über Heidelberg und Wiesenbach, vorbei an Lobenfeld und Spechbach (einst: vicus nediensis) bis nach Neckarburken führte. Obwohl sich der römische Gutshof im Bereich nährstoffarmer Buntsandsteinböden befindet, ermöglicht der in Mulden und Senken abgelagerte Löß aus dem Kraichgau eine gewisse landwirtschaftliche Nutzung. Darüberhinaus sind vorort sowohl Jagd als auch Viehzucht (Waldweide) als zusätzliche Einnahmequellen denkbar. Knochenfunde zeigen, dass Schweine gehalten bzw. gezüchtet wurden. Mit der Invasion der Alamannen im Jahre 260 n Chr. endet die Besiedlung und das wirtschaftliche Treiben der Römer im Odenwald abrupt.

1969 wird die Lokalität während einer Begehung durch den bekannten Archäologen Berndmark Heukemes* gemeinsam mit dem damaligen Förster Walter Hug entdeckt. Zunächst stößt man auf Überreste eines römischen Brunnens. Anschließende gezielte Ausgrabungsarbeiten fördern Mauerreste einer villa rustica sowie Teile einer Umfassungsmauer zutage. Weitere Untersuchungen des Landesdenkmalamts 1980/81 legen einen Töpferofen und Gebäudefragmente (vermutlich Stallungen) außerhalb der Hofeinfassung  frei. Da die Überreste der villa rustica im Herrenwald durch keinerlei Nutzung gefährdet sind, wird auf weitere Ausgrabungen verzichtet. Die geborgenen Fundstücke aus den Grabungen befinden sich heute im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg und im Heimatmuseum Wiesenbach

Die Umfassungsmauern, die heute teilweise restauriert, teilweise nur als Schuttwall im Gelände vorliegen, bilden ein schiefwinkliges Rechteck von etwa 85 zu 120 m. Vermutlich haben Bodenbewegungen und Abtragung den Grundriss im Laufe der Zeit verändert. Ein Tor konnte bisher nicht gefunden werden. Archäologische Anhaltspunkte deuten darauf hin, dass es in der Mitte der südlichen Umfassungsmauer gelegen hat. Eine auffallend breite Türschwelle aus Buntsandstein befindet sich im Nordteil der Westmauer. Sie ist offensichtlich dort nachträglich in das Mauerwerk eingesetzt worden.

Das Hauptgebäude an der Nordseite ist nicht vollständig freigelegt. Es fehlt die nach Süden gerichtete Außenfassade. Restauriert sind die Wände von fünf Räumen, die jedoch in dieser Form in römischer Zeit nicht gleichzeitig bestanden haben. So gehört der Keller unter der mittleren Halle zusammen mit der Mauer, die die Kellertreppe nördlich begrenzt, noch zu der älteren Bauphase, was sich daraus ergibt, dass sein Fenster jetzt ins Innere des Hauses blickt. Ursprünglich dürfte hier die südliche Außenfront des Gebäudes gelegen haben. Ein Gräberfeld fehlt bzw. konnte noch nicht aufgefunden werden. In der Regel wurden die Toten außerhalb der villa rustica beerdigt.

Hinweise für Besucher: Der freigelegte Gutshof ist ein bedeutendes Kulturdenkmal. Gebäude und Gelände unterliegen dem Denkmalschutz des Landes Baden-Württemberg. Die Fläche ist öffentlich zugänglich. Mehrere Informationstafeln vorort informieren den Besucher ausführlich über Entstehung und Geschichte. Ruhebänke an der Brunnenanlage laden zum Verweilen ein. Weitere Infos finden sich auch unter Google Maps.

Quelle: Landesdenkmalpflege BW, auszugsweise


* Dr. Berndmark Heukemes (1924 - 2009), ehem. Leiter der Archäologischen Abteilung des Kurpfälzischen Museums Heidelberg. Seine wissenschaftlichen Untersuchungen in der Rhein-Neckar-Region brachten zahlreiche Fundstellen von der Steinzeit bis zum Mittelalter zutage (archäologische Luftbildforschung). Mitgründer der Schutzgemeinschaft Heiligenberg e.V., der er bis 1997 vorstand. Für seine Verdienste wurde der Wissenschaftler 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.